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Partizipation

Sowohl für Erwachsene als auch für Kinder kann eine solche Kultur der Partizipation eine sehr beeindruckende Demokratieübung sein.

Einführung

Partizipation ist ein Grundprinzip der Menschenrechte und zugleich funktionierende Realität der Beteiligung aller. Das Recht von Kindern auf Partizipation ist eines der Leitprinzipien und eine der fortschrittlichsten Innovationen des Übereinkommens über die Rechte des Kindes (zur Kinderrechtskonvention).
In der Kinderrechtskonvention wird das Recht von Kindern auf Partizipation in mehreren Aspekten formuliert:

  • das Recht, ihre Meinung in allen sie betreffenden Angelegenheiten zu äußern, und darauf, dass ihre Meinungen angemessen berücksichtigt werden (Artikel 12)
  • Freiheit der Meinungsäußerung, einschließlich des Rechts, Informationen jeglicher Art zu empfangen und weiterzugeben (Artikel 13)
  • Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit (Artikel 14)
  • Versammlungsfreiheit (Artikel 15)
  • das Recht auf Zugang zu Informationen und Material über die Landesgrenzen hinaus (Artikel 17)
  • das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft teilzunehmen (Artikel 31)

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Weshalb ist Partizipationsrecht des Kindes wichtig?

Die wichtigste Voraussetzung sinnvoller Partizipation ist, dass Erwachsene Kindern zutrauen, bei Entscheidungen mitzureden, und dass sie sie als Partner akzeptieren. Dabei entstehen weniger traditionelle Beziehungen, die auf der Macht und Kontrolle Erwachsener über Kinder aufbauen, sondern vielmehr demokratische Partnerschaften. Andernfalls hat die Partizipation von Kindern lediglich Alibifunktion:
Kinder dürfen zwar ihre Meinung sagen, haben aber keinen Einfluss darauf, ob und wie ihr Beitrag aufgegriffen wird.

Der Kerngehalt der Partizipation ist im „Stufenmodell der Partizipation“ (siehe Seite 2) gut erklärt.1 Roger Hart beschreibt acht Stufen der Partizipation. Die ersten drei Stufen sind Fremdbestimmung, Dekoration und Alibi-Teilhabe, falsche Formen der Partizipation, die den gesamten Prozess desavouieren können. Zu den echten Formen der Partizipation gehören u. a. die Stufe „Zugewiesen, informiert“, auf der Kindern bestimmte Rollen zugewiesen werden, und die Stufe „Mitbestimmung“, auf der Kinder Ideen und Vorschläge zu Programmen einbringen, die von Erwachsenen durchgeführt werden, und wissen, wie ihre Meinung das Ergebnis beeinflusst.

Die fortgeschrittensten Stufen sind die Partizipationsstufe „Von Erwachsenen initiiert“, ein gleichberechtigter Prozess der Entscheidungsfindung mit Kindern, und „Von Kindern initiierte und durchgeführte“ Projekte, in denen Erwachsene nur in einer unterstützenden, beratenden Funktion auftreten. Auf dieser letzten Stufe können Kinder gemeinsame Entscheidungen treffen, Dinge gemeinsam regeln und gleichberechtigt mit Erwachsenen Verantwortung übernehmen, wobei beide Gruppen Zugang zum Wissen der jeweils anderen haben und voneinander lernen.

Erfolgreiche Partizipation ist nicht auf ein einzelnes Projekt beschränkt, sondern ein fortdauernder Prozess und ein Beitrag zum Aufbau einer Kultur der Partizipation im gesamten Umfeld des Kindes: in der Familie, in der Schule, in Betreuungseinrichtungen, im Gesundheitssystem, in der Gemeinschaft und in der Gesellschaft. Sowohl für Erwachsene als auch für Kinder kann eine solche Kultur der Partizipation eine sehr beeindruckende Demokratieübung sein. Daraus erwachsen Verständnis für die Menschenrechte und Ermutigung zu aktiver Bürgerschaft, wovon die gesamte Gesellschaft profitiert.

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Partizipation mit Kindern in der Praxis

Die Partizipation von Kindern braucht zuallererst eine Umgebung, die ihre Fähigkeiten stärkt. Kinder öffnen sich, wenn sie das Gefühl haben, dass das, was sie sagen, wichtig ist, und wenn sie verstehen, warum sie einbezogen werden. Weil Kinder anders denken und sich anders ausdrücken als Erwachsene, sollte ihre Partizipation auf konkreten Problemen und Erfahrungen und auf realen Situationen aufbauen und ihre Komplexität sollte an die sich entwickelnden Fähigkeiten des Kindes angepasst sein. Am Anfang könnten von Erwachsenen durchgeführte Befragungen und Meinungsumfragen zu verschiedenen Themen stehen. Planung, Umsetzung, Management, Monitoring und Evaluation sind höher entwickelte Instrumente der Partizipation. Von Kindern initiierte Projekte, Forschungen, Lobbying in eigener Sache, Vertretung oder gemeinsames Management mit Erwachsenen in Organisationen und Institutionen sind tiefgreifende Erfahrungen für Kinder und haben einen hohen Bildungswert.

FRAGE: Wer entscheidet, welche Art der Partizipation für Kinder in welchem Alter geeignet ist? Wie werden solche Entscheidungen getroffen?

Durch sinnvolle Partizipation wird eine große Bandbreite von Fertigkeiten und Kompetenzen entwickelt. Kinder erlangen neue Kenntnisse, sie lernen ihre Rechte kennen und erfahren durch aktives Zuhören die Ansichten von andern. Durch Meinungsbildung und Meinungsäußerung verbessern sie ihre Kommunikation, ihr kritisches Denken, ihre Organisations- und Lebenskompetenzen. Sie machen die Erfahrung, dass sie wirklich etwas verändern können.

Um die Kultur der Menschenrechte in Europa zu verwirklichen, ist es notwendig, den partizipativen Ansatz mit Kindern auf Dauer konsequent umzusetzen. Das größte Hindernis sind die Einstellungen, von denen Erwachsene geprägt sind. Daher müssen Kinder und Erwachsene ihr Wissen über Menschenrechte und Kinderrechte, Unterstützung, ethisches Handeln und Forschung erweitern. Alle, die mit und für Kinder arbeiten, sollten die Grundprinzipien der Partizipation von Kindern verinnerlichen und lernen, sie zu ermöglichen, zu unterstützen und zu fördern. Politisches und persönliches Engagement ist dabei unverzichtbar. Auch wenn der Aufbau einer Kultur der Partizipation menschliches Engagement und finanzielle Mittel erfordert, so ist das Ergebnis die Mühe wert.

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Positive Beispiele aus der Praxis

Beispiele für die erfolgreiche Partizipation von Kindern findet man überall in Europa:

  • Familie: Partizipation kann zu Hause schon bei sehr kleinen Kindern beginnen, wenn sie bei Entscheidungen in der Familie mitreden. Kinder, die an der Konferenz des Europarats „Building a Europe with and for Children“ teilgenommen haben, berichteten:

Wir haben in unseren Familien erfolgreich mitentschieden …, wie wir unsere Freizeit verbringen möchten, was wir essen wollen, manchmal sogar, welche Schule … wir besuchen wollen, wie wir Aufgaben in der Familie aufteilen, Familienprobleme lösen, Familienfeiern organisieren.2

  • Schule: Schulen können wichtige Modelle guter Partizipation sein. Das gemeinsame Erarbeiten von Regeln oder die Übertragung der Zuständigkeit für Dekoration und Ordnung im Klassenzimmer können ein guter Anfang sein und den Kindern außerdem helfen, sich mit ihrer schulischen Umgebung zu identifizieren. Doch sind Schulräte und Kinderparlamente als Partizipationsübungen nur dann wertvoll, wenn Kinder echte Entscheidungen treffen können. Kinder können auch an der Bewältigung von Schulproblemen, wie zum Beispiel Mobbing, Ausgrenzung oder anderer Formen schulischer Gewalt, mitwirken. Auch Kinderinitiativen zur Herausgabe einer Zeitung, der Produktion eines Radioprogramms oder der Erstellung von Internetseiten, zur Organisation von Vereinen, Festivals oder Kampagnen sind wichtige Beiträge zur Demokratie an der Schule.3
  • Freizeitaktivitäten: In außerschulischen Programmen können Kinder die Erfahrung machen, dass sich durch ihre Beteiligung etwas ändert. NGOs, informelle Treffpunkte, Straßenprogramme, Festivals, das Internet und Plattformen in neuen Medien bieten Gelegenheit zur Einübung von Demokratie. Außerschulische Aktivitäten können Schulprojekte ergänzen.
  • Benachteiligte Kinder: Für benachteiligte Kinder ist Partizipation enorm wichtig und stärkend. Kinder, die in Armut leben oder in Einrichtungen untergebracht sind, haben oft nicht einmal ein Minimum an Mitsprachemöglichkeiten. Bei ihrer Ankunft in einer Einrichtung oder einem Krankenhaus, bei Konfrontation mit der Polizei oder in einem Gerichtsverfahren, sei es als Opfer oder als Täter, sollten alle Kinder von gut ausgebildetem Personal in einer freundlichen Umgebung empfangen werden. Das Kindeswohl wird nur dann respektiert, wenn man sie bittet, ihre Meinung zu diesen Vorgängen zum Ausdruck zu bringen.

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Beteiligung von Kindern an Regierungsprozessen

  • Auf kommunaler Ebene: Projekte zur Verbesserung des Gemeinwohls bieten Kindern viele gute Partizipationsmöglichkeiten. Der Europarat hat eine Empfehlung zur Förderung der Bürgerbeteiligung junger Menschen im kommunalen Leben herausgegeben, die einen guten Ansatzpunkt für Aktionen darstellen kann, sowohl für die Kommunen als auch für die Kindergruppen selbst.4

FRAGE: Wie können wir Kinder ermutigen, sich an der Regierung zu beteiligen, und sie gleichzeitig vor politischer Manipulation durch Erwachsene schützen?

Es gibt mehrere gute Beispiele von Gesetzgebern, Politikern und Politikerinnen, die sich regelmäßig mit Kindern zusammensetzen und beraten. In London zum Beispiel befragt der Bürgermeister Kinder darüber, was man in der Stadt für alle jungen Menschen verbessern kann, insbesondere in Bereichen wie dem öffentlichen Nahverkehr, Spielplätzen, Sicherheit und Online-Gewalt.5 In Schottland wird in einem fünfjährigen kommunalen Partnerprogramm ausgelotet, wie die Ausgrenzung von Kindern und Jugendlichen durch aktive kommunale Partizipation wirksam bekämpft werden kann. Ergebnisse in Form von Programmen, Methoden und Erfolgen wurden in einem Wegweiser zusammengestellt.6

  • Auf Staatsebene: Einige europäische Staaten fördern die Partizipation von Kindern durch ihre Politik. So unterstützen zum Beispiel Deutschland, Norwegen und Großbritannien die Einbeziehung von Kindern und ihren Familien oder Betreuungspersonen in die Entwicklung und den laufenden Betrieb von „children’s trusts“, in denen Einrichtungen der Jugendhilfe zusammengefasst werden, und fordern Kommunen und Organisationen zur Nachahmung auf. Weil für solche Innovationen Organisationsstrukturen verändert werden müssen, erweist sich der Schritt von der Theorie zur Praxis oft als schwierig.7
  • Auf internationaler Ebene: Am besten können sich Kinder an lokalen und gesamtstaatlichen Prozessen beteiligen, wo ihre täglichen Erfahrungen mitberücksichtigt werden. Doch in einem gut geplanten Umfeld können Kinder auch in internationale Entscheidungsprozesse einbezogen werden.

Die Partizipation von Kindern und Jugendlichen war eine zentrale Säule der Studie der Vereinten Nationen über Gewalt gegen Kinder. Kinder wurden in regionale Beratungsgespräche mit einbezogen und ihre Empfehlungen fanden Eingang in die Schlussdokumente dieser Beratungsgespräche. Dieses ungewohnte Vorgehen stellte für die Organisatorinnen und Organisatoren eine Herausforderung dar, doch ergaben sich daraus einige sehr anregende und aufschlussreiche Ergebnisse.8

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Grundsätze zur Partizipation von Kindern

UNICEF, die Weltorganisation für die Rechte und das Wohlergehen von Kindern, hat Grundsätze für eine sinnvolle Partizipation von Kindern formuliert. Diese Richtlinien eignen sich für jede Art von Partizipation:

  • Die Kinder müssen verstehen, worum es bei dem Projekt oder Verfahren geht, wozu es dient und welche Rolle sie darin spielen.
  • Machtverhältnisse und Entscheidungsstrukturen müssen transparent sein.
  • Die Kinder sollten so früh wie möglich in alle Initiativen einbezogen werden.
  • Alle Kinder sollten, ungeachtet ihres Alters, ihrer Situation, ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Fähigkeiten oder anderer Faktoren, mit demselben Respekt behandelt werden.
  • Grundregeln sollten zu Beginn mit allen Kindern zusammen aufgestellt werden.
  • Partizipation sollte freiwillig sein und die Kinder sollten in jeder Phase aussteigen dürfen.
  • Kinder haben Anspruch darauf, dass ihre Meinungen und ihre Erfahrung respektiert werden.9

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Relevante Menschenrechtsinstrumente

Europarat

Partizipation, insbesondere die der Jugend, ist ein wichtiges Arbeitsgebiet des Europarats. Im eigenen Jugendsektor hat der Europarat ein einzigartiges Ko-Managementsystem eingeführt: Vertreterinnen und Vertreter europäischer Jugendorganisationen und Regierungen entscheiden gemeinsam über das Jugendprogramm des Europarats. In Zusammenarbeit mit dem Kongress der Gemeinden und Regionen Europas wurde 1992 eine Europäische Charta der Beteiligung der Jugend am Leben der Gemeinde und der Region verfasst und 2003 überarbeitet. Dieses einzigartige Instrument fördert die Beteiligung junger Menschen, stellt aber auch konkrete Ideen und Instrumente bereit, die von jungen Menschen und kommunalen Behörden genutzt werden können. 2007 wurde ein praktisches Handbuch „Have your say!“ mit weiteren Ideen erstellt.

Vereinte Nationen

Partizipationsrechte sind eng mit Bürgerrechten verknüpft, das gilt sowohl für die Freiheiten als auch für die Verpflichtungen. (Siehe auch Thema Geschlechtergerechtigkeit) In Artikel 29 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wird die Bedeutung der Bürgerbeteiligung sowohl für die Gemeinschaft als auch für die Bürgerinnen und Bürger selbst anerkannt:

Jeder hat Pflichten gegenüber der Gemeinschaft, in der allein die freie und volle Entfaltung seiner Persönlichkeit möglich ist.

Doch erst durch die Verabschiedung der Kinderrechtskonvention 1989 wurde anerkannt, dass die Rechte und der Nutzen der Partizipation auch für Kinder gelten. Deren Partizipation wird in einem breiten Spektrum des gemeinschaftlichen Lebens gewährleistet:

  • Artikel 9: an Verfahren über die Vormundschaft oder das Sorgerecht für Kinder teilzunehmen
  • Artikel 12: bei allen „das Kind berührenden Entscheidungen“ mitzureden
  • Artikel 13: die eigene Meinung zu äußern, sich Informationen zu beschaffen und Informationen weiterzugeben
  • Artikel 14: Ansichten über Gedanken, Gewissen und Religion mitzuteilen
  • Artikel 15: sich frei mit anderen zusammenzuschließen
  • Artikel 23: das Recht eines Kindes mit Behinderung, „aktiv am Leben der Gemeinschaft teilzunehmen“
  • Artikel 30: das Recht von Kindern, die Minderheiten oder einem Volk von Ureinwohnern angehören, an der Gemeinschaft ihrer eigenen Gruppe ebenso teilzunehmen wie an der Mehrheitsgesellschaft
  • Artikel 31: freie Teilnahme am kulturellen und künstlerischen Leben

In der Kinderrechtskonvention werden alle Personen unter achtzehn Jahren als Kinder definiert, was wangsläufig bedeutet, dass nicht jedes Kind über die Kompetenz oder Reife verfügt, um gleichermaßen zu partizipieren. Um dieser Tatsache Rechnung zu tragen, wird in der Konvention das Prinzip der sich entwickelnden Fähigkeiten angewendet und empfohlen, dass beide Elternteile und der Staat auf das Kind entsprechend seiner wachsenden Fähigkeiten und Reife eingehen. Viele Erwachsene und Einrichtungen sind nach wie vor gefordert, ihre eingefahrenen Einstellungen und Gewohnheiten anzupassen, um dem Recht von Kindern jeden Alters auf Partizipation gerecht zu werden.

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Nützliche Websites

  • www.bpb.de; Sammlung von Methoden zur Beteiligung von Kindern und Jugendlichen
  • www.polipedia.at;Projekt des Demokratiezentrums Wien; Jugendliche werden ProduzentInnen von politisch-partizipativen Inhalten.

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